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  • Michael

Der zufriedene Hund

Nicht nur bei Menschen resultieren aus unbefriedigten Bedürfnissen Frust und Unzufriedenheit. Oftmals erklären sich problematische Verhaltensweisen daraus, etwa weil sich der Hund nicht wohl fühlt in seiner Haut. Es lohnt sich mal zu hinterfragen ob mein Hund zufrieden ist und seine Bedürfnisse nicht zu kurz kommen.


Großer und kleiner Hund sitzen im Schnee
Zufrieden mit der Gesamtsituation - Mia und Amy

Es stürmt....

und ich komme von einem Spaziergang mit den Hunden nach Hause. Ein Sturm bläst über das Land und treibt den Regen waagrecht vor sich her. Die Temperaturen sind gerade noch zweistellig. Da zu dieser Jahreszeit das Wild auf den Feldern steht also Schleppleine für die zwei. Spaß ist etwas anderes, zumindest für mich.

Wir gehen also, Ohren flattern im Wind und das Rudel Rehe am anderen Ende des Ackers wird geruchlich wahrgenommen. Ein flehender Blick aus braunen Augen: lass mich da mal hin, bitte! Als Ersatz führe ich die beiden auf die "Mäusewiese" wo sie nach Herzenslust graben dürfen und sich dabei fürchterlich einsauen. Kurz bevor sie Australien erreichen gebe ich das Signal zum Weitergehen. Zu Hause großes Saubermachen, dann beziehen sie Stellung in der Küche um bei der Zubereitung des Essens zuzuschauen. Wieder einmal überlege ich: sind die zwei zufrieden? Fehlt ihnen was?


Die Bedürfnispyramide

So wie beim Menschen gibt es auch bei Hunden eine Pyramide der Bedürfnisse. Pyramide deshalb weil eine Ebene auf der anderen aufbaut, und erst wenn die Bedürfnisse der unteren Ebenen erfüllt sind die nächste Ebene an Bedeutung gewinnt. Hierarchisch, zumindest in der Theorie. Wichtig deshalb weil aus Bedürfnissen Motivation und damit Handeln entsteht. Und aus längere Zeit nicht befriedigten Bedürfnissen Frust und sonstige ungute Emotionen entstehen die sich dann oftmals in unerwünschten Verhalten entladen.


Grundbedürfnisse

Die unterste Ebene wird gebildet durch die grundlegenden Bedürfnisse nach Futter, Wasser, Ruhe und Schlaf. Hier scheint die Hundewelt noch in Ordnung. Meistens wird ganz anständiges Futter gegeben, wenn auch oft zu viel. Auch ausreichend frisches (!) Wasser ist zumeist vorhanden. Aber wie sieht es mit dem Schlaf aus? Ausreichend und erholsam? Es lohnt sich zweimal hinzuschauen, Hunde haben mehr REM Phasen als Menschen und in diesen findet die Verarbeitung der Erlebnisse und Erholung statt.

drei Hunde auf einer Bank

Sicherheit

Die nächste Ebene betrifft Sicherheit. Das bedeutet etwa Verlässlichkeit im Tagesablauf, vertrauenswürdige Bezugspersonen, klare Regeln, Unversehrtheit und Vorhersagbarkeit. Auf dieser Ebene wird es schon eher Defizite geben, vor allem wenn es um Konsequenz geht: was Frauchen erlaubt ist bei Herrchen tabu, oder so. Auch das Verhältnis der Bezugsmenschen zueinander spielt hier mit, schlechte Stimmung oder Streit verunsichern auch den Hund.


Soziale Bedürfnisse

Soziale Bedürfnisse wie Kontakt zu seinen Menschen und anderen Hunden bilden die nächste Ebene. Und spätestens jetzt wird klar warum eine Ebene auf der anderen aufbaut: möchte mein Hund mit mir Körperkontakt muss er sicher sein dass ihm nichts geschieht, er unversehrt bleibt und ich sein Vertrauen nicht enttäusche. Also erst Sicherheit, dann Nähe. Damit ist auch klar dass alleine sein für Hunde nichts selbstverständliches ist und zum Problem werden kann.


Anerkennung

Das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung bildet die nächste Ebene, und jetzt wird die Luft dünn. Wie fair ist unser Umgang in der Erziehung? Wie viel Respekt bringen wir unseren Hunden entgegen? Brüllen wir sie von der Couch oder bitten wir sie höflich? Ist das Training von was-weiß-ich bedürfnis- und belohnungsorientiert? Gerade wenn es um Anerkennung von hündischer Leistung geht tun wir uns oft schwer. Also eher einmal zu viel loben als zu wenig.


Selbstverwirklichung

Die Spitze der Pyramide ist die Selbstverwirklichung. Wir Menschen tun das oft im Job oder haben ein Hobby, engagieren uns in Vereinen oder Ehrenamt. Unsere Hunden haben auch dieses Bedürfnis, und wahrscheinlich eine der reizvollsten Aufgaben im Hundetraining herauszufinden was das für den einzelnen Hund sein kann. Mit dem Menschen Tricks aufführen? Apportieren? Im Wasser plantschen? Krähen jagen? Öfter mal den Hund Hund sein lassen.


BedürfnisaufschuB

Zu guter letzt: wie beim Menschen ist es auch bei unseren Hunden unmöglich zu jeder Zeit alle Bedürfnisse restlos zu befriedigen, manchmal dauert es richtig lange bis etwa unsere sozialen Bedürfnisse in einer Partnerschaft befriedigt werden. Auch bei den Grundbedürfnissen kann es mal dauern, und kein Hund stürzt sich verzweifelt in die Leine wenn das Futter mal eine halbe Stunde später kommt. Aber es muss kommen…..100%ig. Sind unsere Hunde wieder mal nicht die besten Hunde der Welt hilft es manchmal die Pyramide durchzugehen um einen Grund für das Verhalten zu finden.

drei Hunde
 

Der Autor Michael Karges ist Hundetrainer und diplomierter Verhaltensberater und lebt und arbeitet in Wien. Fragen und Kommentare gerne an Michael.Karges@pro-canis.at.



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